Michael Köhlmeier über RESPEKT und Arbeit
"Wer einem anderen RESPEKT zollt, der reicht ihm die Hand"
Ich hatte in den Sommerferien in einer Tischlerei gearbeitet. Die Arbeit war für mich ungewohnt und sehr anstrengend gewesen. Ich musste früh aufstehen und eine halbe Stunde zu Fuß gehen, bis ich in der Werkstatt war. Dann habe ich auf meine Aufträge gewartet, meistens bestanden sie darin, schwere Teile zu schleppen oder den Kollegen beim Schleppen zu helfen. Ich kehrte und putzte, manchmal durfte ich schleifen und hobeln. Auch zu den Lackierarbeiten wurde ich eingesetzt. Dann war die Haut an meinen Händen und Armen am Abend wie Papier und die Bronchien brannten. Am Ende des Monats hat mir der Besitzer in einem Kuvert 2000 Schilling überreicht.
Ich habe an den Scheinen gerochen und habe sie an mein Herz gedrückt. Sie waren Zertifikate meiner Würde, Dokumente meines Selbstvertrauens, sie waren hart und neu und sagten mir: Du kannst für dich Sorge tragen; und vielleicht, eines Tages, wirst du auch für eine Familie aufkommen können; nun hat dein souveränes Leben begonnen. Es gibt gute und weniger gute Arbeit, und wenn eine Arbeit nicht gut ist, dann weil sie der Gesundheit schadet, weil sie langweilig oder gefährlich ist, weil sie schlecht bezahlt ist oder aus vielen anderen Gründen; meistens aber wird eine Arbeit dann als eine schlechte empfunden, wenn ihr zu wenig RESPEKT entgegengebracht wird. Die Arbeit aber, was soll das anderes sein als der Mensch, der sie verrichtet? Und wenn einer für seinen Lebensunterhalt, für sein Leben auf eine Art sorgt, die einem anderen als zu gering vorkommt, dann verachtet dieser in Wahrheit den Menschen; und wer so urteilt, urteilt in Wahrheit über sich selbst. Der RESPEKT vor der Arbeit ist gleichbedeutend mit dem Respekt vor dem Menschen. Die Kunst ist nicht die Karriere, die Kunst ist das Leben. Wer das nicht begreift, dem mangelt es an Wesentlichem, nämlich an der Einsicht, dass Glück auf Souveränität beruht und dass diese aus dem schlichten Satz „Ich kann“ erwächst. Wer für sein Leben aufkommen kann, der hat etwas zu erzählen.
Ich habe Manuela Auer schätzen gelernt als eine Frau, die zuhören kann, weil sie weiß, dass die Geschichten, die ihr erzählt werden, so oft von getretener Würde und mangelndem RESPEKT berichten; es sind Geschichten von der Arbeit, und der sie erzählt, will bestätigt bekommen, dass das, was er tut, gut ist. Manuela Auer weiß viel über Arbeit, sie hat sich die Maschinen erklären lassen, die bedient werden müssen, hat sich ein Bild gemacht, wie viel psychologisches Gespür von einer Verkaufsachbearbeiterin erwartet wird, hat Kräne bestiegen und ist für Kollegen eingetreten, die um ihren Arbeitsplatz gebangt haben. Ich bewundere sie sehr, und wenn wir zusammen sitzen, werde ich nicht müde, ihr das zu sagen. Dann geniert sie sich und antwortet: „Ich tu meine Arbeit, und ich tu sie gern, das ist alles.“ Ich sage zu ihr: „Dein Kopf ist ein Archiv voll bunter Geschichten aus der Welt der Arbeit.“
Mit Manuela zu reden ist für einen Schriftsteller (der auch jeden Tag Kraft und Mut zusammenraffen muss, um sich zu sagen, „Ich kann“) ein lehrreiches Erlebnis. Warum: Sie kennt die Menschen. Weil sie sich für die Menschen interessiert. Das aber heißt: Weil sie sich für ihre Arbeit interessiert. Wer einem anderen RESPEKT zollt, der reicht ihm die Hand – über alle Unterschiede hinweg; er sagt: Was immer du auch tust, du trägst damit Sorge für dich und deine Leute. Manuela Auer kann den Menschen in die Augen schauen, und wer mit ihr spricht, fühlt sich verstanden, respektiert.
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